Ein Mythos stirbt – wie die Schweiz ihre Vergangenheit neu aufrollt

Deutsch-deutsche Grenze bei Heldra

by Michael Hochreutener

Die Schweiz als letzte Insel des Widerstandes. Die Eidgenossen als tapfere Verteidiger von Land, Volk und Demokratie – inmitten eines von Tod und Zerstörung gezeichneten Kontinents. Über Jahrzehnte hinweg hatte dieses Bild die Schweizer Geschichtsschreibung zu ihrer Rolle im zweiten Weltkrieg geprägt. Der Glaube, dass das Land primär dank seiner Armee und den Entbehrungen der Aktivdienstgeneration vom Krieg verschont wurde, war in der Bevölkerung tief verwurzelt. So tief, dass kritische Stimmen bis zu Beginn der 90er Jahre als Nestbeschmutzer galten und in der Minderheit blieben.

Entschuldigung als Tabubruch

Die Rede von Bundespräsident Kaspar Villiger vor knapp 20 Jahren zur Gedenkfeier des 50-Jahr Jubiläums des Kriegsendes war deshalb ein absoluter Tabubruch. Erstmals entschuldigte sich die Schweizer Regierung für die Schuld, welche die damaligen Verantwortlichen auf das Land geladen hatten – namentlich mit ihrer Flüchtlingspolitik. Der Minister räumte ein, dass die Verteidigungsbereitschaft zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung zur Verschonung vor dem Krieg gewesen sei. Vielmehr habe eine komplexe Mischung zwischen Anpassung und Widerstand das Überleben der Schweiz garantiert.

Bis zu dieser Kehrtwende waren die Debatten im Land immer entlang der gleichen ideologischen Frontlinien verlaufen. Auf der einen Seite standen die Mythenbewahrer, welche mit Volk, Armee und General als Hüter der Neutralität argumentierten. Mit der gesamten bürgerlichen Bevölkerungsmehrheit und der Veteranengeneration im Rücken, entsprach ihr Bild der gängigen Geschichtsschreibung. Die sogenannten „Diamantfeiern“ von 1989 stellten ein letztes Aufbäumen dieser alten Schreibweise dar. Zur Erinnerung des alten Wehrwillens wollte man ausgerechnet den Kriegsausbruch 50 Jahre zuvor, mit einem großen Militäraufmarsch feiern. Dies als Reaktion auf eine zu jener Zeit revolutionäre Initiative zur Abschaffung der Schweizer Armee.

Ein Mythos zerbröckelt

Bereits damals hatte eine Dynamik eingesetzt, die sich mit dieser Feier nicht mehr aufhalten ließ. Was in den 70er Jahren mit einer kleinen Minderheit von linken Historikerzirkeln begonnen hatte, brachte gegen Ende des Kalten Krieges immer offenere Diskussionen ins Rollen. Die wachsende Gruppe von Mythenstürmern führte Argumente der Außenwirtschaft und Außenpolitik ins Feld und entwarf das Bild einer angepassten und problematisch verflochtenen Schweiz. Der Mythos kam ins bröckeln. Als dann die Berliner Mauer fiel und die Weltordnung auf den Kopf gestellt wurde, begann eine ideologische Auseinandersetzung zu toben, welche mit Villigers Rede von 1995 ihren vorläufigen Höhepunkt fand.

Ein Jahr später, 1996, verlagerte sich die Debatte über die Vergangenheit auf die wissenschaftliche Ebene. Mit einer von der Regierung eingesetzten Historikerkommission unter der Leitung von Jean-Francois Bergier, sollte die Schweizer Kriegsvergangenheit erneut aufgerollt und langfristig klargestellt werden. Zentrale Punkte waren die Flüchtlingspolitik sowie die Rolle des Finanzplatzes. Unter großer Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit begann eine über fünfjährige Periode, in der das Land in mehreren Etappen immer wieder von Neuem mit seiner Geschichte konfrontiert wurde. So hatte die Schweiz zwar insgesamt rund 300›000 militärische und zivile Schutzsuchende aufgenommen (darunter rund 20›000 Juden), ab 1942 aber mit rassistischen Aufnahmekriterien um die 30›000 Juden abgewiesen. Der große J-Stempel in den Pässen deutscher Juden war denn auch ein Anliegen der Schweiz. Am Ende der Bergier Kommission standen insgesamt 12›000 Seiten, 25 Bände, ein Schlussbericht und der endgültige Durchbruch eines neuen Geschichtsbildes. Was aber waren die Gründe für diese Kehrtwende in der Schweizer Vergangenheitsbewältigung?

Wende in der Außenpolitik

Ein erstes Motiv dürfte im generellen Kontext zu Beginn der 90er Jahre zu suchen sein. Nach Ende des Kalten Krieges und dem Wegfall der bipolaren Weltordnung, musste sich das Land ein Stück weit neu erfinden. Sollte der Weg des Isolationismus und der integralen Neutralität wie bis anhin fortgesetzt werden oder lag die Zukunft in der Europäischen Integration? Nach dem traumatischen Nein zum EWR-Beitritt in der Volksabstimmung von 1992 kam die öffnungswillige bürgerliche Mitte zur Einsicht, dass mit einem rückwärtsgewandten Geschichtsbild keine progressive Außenpolitik betrieben werden konnte. Die Aufgabe des alten Mythos war deshalb ein Preis, den man für die überfällige wirtschaftliche und politische Öffnung zu zahlen bereit war. Von nun an war es zunehmend nur noch die isolationistische, rechtskonservative Minderheit, welche sich am alten Bild festzuhalten versuchte.

„Lösegelderpressung“ und „Totaler Krieg“

Ein weiterer Grund für diese Wende und die Einsetzung der Bergier-Kommission liegt im steigenden internationalen Druck. Jüdische Organisationen aus den USA warfen Schweizer Banken und Versicherungen vor, sie hätten Vermögenswerte von Holocaust-Opfern unterschlagen und würden diese immer noch in ihren Tresoren aufbewahren. Dieser Druck ließ auch nach Einsetzung eines Expertengremiums zur Herkunftsklärung der sogenannten „Nachrichtenlosen Vermögen“ nicht nach: Als ab 1996 erste Sammelklagen gegen Schweizer Banken eintrafen, begann ein erbittertes transatlantisches Fernduell, welches sich zunehmend auf die politische Ebene verlagerte. Bundespräsident Delamuraz sprach 1996 von „Lösegelderpressung“, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, drohte der Schweiz 1998 gar mit „Totalem Krieg“. Der Druck stieg zudem durch Boykottmaßnahmen von zwei US-Bundesstaaten gegen Schweizer Banken. Erst mit dem Deal von August 1998 gelang der Befreiungsschlag: Während sich die Großbanken zu einer Vergleichszahlung von 1,25 Milliarden Dollar bereit erklärten, ließen die Kläger ihre Forderungen gegenüber Banken, Nationalbank und Staat fallen. Auch wenn nach diesem Kompromiss das Interesse an der Schweizer Rolle im zweiten Weltkrieg zurückging, war die zwei Jahre zuvor eingesetzte Bergier-Kommission nicht mehr zu stoppen.

UNO-Beitritt als Bekenntnis der Kehrtwende?

2002, im Jahre der Veröffentlichung des Schlussberichts, war der alte Mythos längst zertrümmert. Innerhalb nur eines Jahrzehnts hatte sich die oppositionelle Haltung einer kleinen linken Minderheit, zur offiziellen Leseart gewandelt. Die Bergier Kommission sanktionierte mit wissenschaftlicher Methode, was die Landesregierung 1995 mit Villigers Rede im Grundzug besiegelt hatte.

Und, wie als Beweis dieser Kehrtwende, nahm das Schweizer Stimmvolk im März 2002 – dem gleichen Monat wie die Bergier-Publikation – eine  Volksinitiative zum UNO-Beitritt an. Eine Tatsache, die nur 10 Jahre zuvor nicht einmal im Traum für möglich gehalten worden wäre.

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