Frauenquote: Beeinträchtigung der Unternehmerfreiheit oder notwendiges Mittel gegen Diskriminierung

IMG_0702

by Thomas Prasthofer und Jan Stadler

Am 20.11.2013 nahm das Europäische Parlament den Richtlinienvorschlag der Europäischen Kommission zur Gewährleis-tung einer ausgewogeneren Vertretung von Frauen und Männern an, demzufolge der Frauenanteil in den Aufsichtsräten börsennotierter Gesellschaften bis 2020 auf 40 % angehoben werden soll. Bei gleicher Qualifikation der KandidatInnen soll im Falle einer weiblichen Unterrepräsentation die Frau den Vorzug erhalten. Dieses Vorhaben ist nicht nur in der europäischen Bevölkerung umstritten, auch im Rat der EU, der nun seinerseits über die Initiative befinden muss, formiert sich Widerstand.

Wir haben den Schwerpunkt dieser Ausgabe zum Anlass genommen, um gemeinsam das Thema Frauenquote rund um den Vorschlag der Kommission zu diskutieren. Die Frage, ob es für zwei Männer angebracht ist, über ein solches Thema zu diskutieren, lassen wir dabei offen.

“60 % der Hochschulabsolventen sind Frauen, aber irgendetwas läuft schief, die weiblichen Talente werden einfach nicht zugelassen.” Dies ist eines der Argumente, mit der EU-Justizkommissarin Viviane Reding ihre Forderung nach einer Frauenquote begründet.

Thomas: Das ist natürlich keine wünschenswerte Situation, doch denke ich, dass wir uns mitten in einem gesellschaftlichen Wandel befinden, der in die richtige Richtung führt, nämlich zur vollen Gleichbehandlung. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass Frauenquoten hierbei keine sinnvolle Maßnahme darstellen.

Jan: Diesen gesellschaftlichen Wandel gibt es, nur leider überträgt sich dieser viel zu langsam auf die Ebene der Führungspositionen. Während der Ausbildungs- und Erfahrungsstand bereits auf sehr hohem Niveau sind, wächst der Frauenanteil in solchen Positionen in Österreich jährlich nur um 0,7 %. Es würde weitere 40 Jahre dauern um einen Anteil von 40 % zu erreichen.

Thomas: Nichtsdestoweniger hat sich der entsprechende Anteil in den letzten 10 Jahren verdoppelt, auch ohne Quote. Und da die seit einigen Jahrzehnten stetig höherqualifizierten Frauen in Zukunft noch stärker in die Führungsetagen drängen werden, kann man wohl von einem exponentiellen Wachstum ausgehen, womit die angesprochenen 40 Jahre 83 % der Aufsichtsratsmitglieder sind Männer, doch stark übertrieben erscheinen.

Jan: Auch wenn sich das Wachstum über die Zeit etwas erhöht hat, dauert die Veränderung trotzdem zu lange. Schließlich waren Frauen vor 10 Jahren auch nicht erheblich weniger qualifiziert als heute, und trotzdem erleben wir diesen langsamen Anstieg. In den Mitgliedsländern mit gesetzlicher Frauenquote stieg der Anteil im Vergleichszeitrum erheblich stärker.

Thomas: Trotzdem bestreite ich, dass dieser top-down-approach dem gesellschaftlichen Wandel von innen heraus auf längere Sicht vorzuziehen ist. Unabhängig davon geht es bei der Quote aber auch um eine weitere Grundsatzfrage, schließlich beeinträchtigt die Frauenquote in hohem Maße die Eigentumsfreiheit und Unternehmensführung der betroffenen Gesellschaften. Entspricht das wirklich einer liberalen Gesellschaft?

Jan: Ich würde widersprechen, dass dadurch “in hohem Maße” eingegriffen wird. Bei der Regelung geht es nur um den Aufsichtsrat, und nicht um die tatsächliche Leitung des Unternehmens. Diese Maßnahme beeinträchtigt doch bloß die Freiheit, in Kontrollorganen bei der Besetzung von 40 % der Posten die Frau anstatt den gleich qualifizierten Mann zu bevorzugen – eine meiner Meinung nach im Vergleich zum Gesamtziel des Vorhabens angemessene Maßnahme.

Thomas: Erstens würde ich den Aufsichtsrat keinesfalls so unterbewerten, er ist vielmehr ein zentrales Organ von Aktiengesellschaften. Dementsprechend handelt es sich hier um einen krassen Eingriff in essentielle Teile der Unterneh- mensführung. Darüber hinaus wäre ich generell vorsichtig, staatlichen „Beeinträchtigungen der Privatautonomie mit dem Argument sie seien ohnehin nur geringfügig“, Tür und Tor zu öffnen. In praktischer Hinsicht sind außerdem gravierende Probleme in Bezug auf den juristisch unverdächtigen Ausdruck “bei gleicher Qualifikation” festzustellen.

Jan: Es ist die Aufgabe des Staates, aktiv gegen die Dis- kriminierung von Personengruppen vorzugehen, besonders wenn es sich dabei um eine Gruppe handelt, die die Mehrheit der Bevölkerung darstellt. Ein solches Verhalten darf auch nicht durch die Privatautonomie legitimiert werden. Der Wirtschaft wurde ausreichend Zeit gegeben, hier tätig zu werden, nach dem Scheitern dieser Initiativen ist nun jedoch der Staat zum Handeln gezwungen. Ich behaupte jedoch weiterhin, dass der diskutierte Vorschlag – Vorzug nur bei gleicher Qualifikation, ausschließlich für Aufsichtsräte, weitreichende Ausnahmen bei den umfassten Unternehmen – einen bloß geringfügigen Eingriff darstellt. Eine externe Überprüfung der “gleichen Qualifikation” führt in diesem Zusammenhang zu einer objektiv nachvollziehbaren Entscheidung, die der jahrelangen Benachteiligung von Frauen einen Riegel vorschiebt.

Thomas: Eine exakt “gleiche Qualifikation” auch nur in einer Mehrheit der Fälle objektiv nachvollziehen zu können, ist leider Wunschdenken. So führt die Quote in zahlreichen Fällen zu fragwürdigen, aus purer Diskriminierungsangst getroffenen Personalentscheidungen, in denen die Qualifikation sogar eine untergeordnete Rolle spielt. Und das kann weder für die Gesellschaft noch für die Wirtschaft von Vorteil sein – und schon gar nicht für Frauen in der Arbeitswelt, Stichwort “Quotenfrau”.

Jan: Die Erfahrungen anderer Länder mit der Frauenquote sprechen hier jedoch eine andere Sprache. So legen Studien nahe, dass Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in den Führungsebenen nicht nur bessere finanzielle Ergebnisse erzielen, sondern auch besser mit Risiken umgehen. Eine Frau, die nach Jahren harter Arbeit aufgrund einer Diskriminierung an dem Aufstieg in die Chefetagen eines Unternehmens gehindert wird, hat nicht sehr viel davon, zumindest nicht als “Quotenfrau” gelten zu müssen. In Wahrheit haben wir jetzt schon Aufsichtsräte voller “Quotenmänner”, die aufgrund ihres Geschlechts statt ihrer Qualifikation dorthin gelangt sind. Und “Quotenmänner” können wir uns in Zeiten, in denen wir einen Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften zu beklagen haben und Frauen durchschnittlich einen höheren Ausbildungsgrad aufweisen, auch wirtschaftlich nicht mehr leisten.

Thomas: Niemand bezweifelt den weiblichen Beitrag zu betrieblichem Erfolg und natürlich muss es das Ziel sein, mehr Frauen in Spitzenpositionen vorzufinden. Dieser Trend ist ohnehin erkennbar, das angesprochene gesellschaftliche Umdenken und nicht zuletzt der freie Markt sorgen dafür. Ein Unternehmen wäre auf Dauer auch nicht wettbewerbsfähig, wenn es geschlechterfeindliche Motive über marktwirtschaftliche Grundüberlegungen wie die Beschäftigung der besten verfügbaren Mitarbeiter zur Gewinnmaximierung stellen würde. Frauenquoten sind dabei nicht notwendig. Außer- dem muss auch angemerkt werden, dass selbst vermeintliche Musterschüler wie Norwegen mit einem Frauenanteil von 42 % in Aufsichtsräten (bei einer gesetzlichen Quote von 40 %) vor allem eines geschaffen haben: sogenannte “Goldröcke”. Dabei handelt es sich um Frauen, die etliche Aufsichtsratsposten kumulieren und so die Erfüllung der Vorschrift erst ermöglichen. Der breiten Masse ist damit also keineswegs geholfen. Daraus kann nur geschlossen werden, dass Quoten nicht die Lösung sein können. Der Staat sollte vielmehr die nötigen Rahmenbedingungen für erwerbstätige Frauen, wie zum Beispiel Kinderbetreuungsstätten, schaffen und den verbleibenden Weg der Gesellschaft sowie dem Markt überlassen.

Jan: Die Einführung von Quoten muss selbstverständlich von anderen Maßnahmen begleitet werden und kann nie für sich allein zum Ziel führen. Das Phänomen, dass gewisse Personen mehrere Aufsichtsratsposten innehaben, ist in gleicher Weise auch unter Männern zu beobachten und widerspricht deshalb auch nicht dem Konzept der Quote. Außerdem ist die Vorbildfunktion auch in diesem Fall erfüllt, da man so in den Einzelunternehmen eine stärkere weibliche Vertretung erreicht. Nach deren Etablierung fällt es aufstrebenden Frauen anschließend auch leichter, in diese Positionen nachzurücken. Schließlich hat der Markt über Jahre hin versagt, trotz entsprechend ausgebildeter Frauen eine adäquate Vertretung in Führungspositionen zu erreichen – was nicht überraschen kann, schließlich war der Markt dabei in großen Maße männlich dominiert. Und dieser Markt darf nicht länger gesellschaftliche Entwicklungen aufhalten, die glücklicherweise inzwischen Realität sind.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s