Die Kurden – der lange und steinige Weg zur Selbstbestimmung

Mustafa Barzani 1970, ehemaliger Führer der Nationalbewegung in Kurdistan-Irak

Mustafa Barzani 1970, ehemaliger Führer der Nationalbewegung in Kurdistan-Irak

by Daniel Reinhardt

Die aktuelle Krise in Syrien und Irak hat in den vergangenen Monaten international, medial wie politisch, viel Aufmerksamkeit erhalten. Eine Volksgruppe, welche derzeit stark vom Vormarsch des Islamischen Staates im Irak und Syrien (ISIS) betroffen ist, sind die Kurden. Diese bekämpfen den IS militärisch sowohl in Syrien als auch im Nordirak. Die Autonome Region Kurdistan-Irak beherbergt zudem derzeit über 1,5 Millionen Flüchtlinge und Binnenvertriebene – und dies bei einer Einwohnerzahl von gerade einmal fünf Millionen Menschen. Dennoch stehen die Zeichen gut, dass die Kurden zumindest in manchen der von ihnen bewohnten Länder mittelfristig als Gewinner der aktuellen Krise hervorgehen. Ihr mutiger Kampf hat ihnen viel internationales Ansehen und Unterstützung verschafft, weiteren war die Legitimation als auch die Solidarität für die Gründung eines unabhängigen kurdischen Staates wohl selten größer. Doch wer sind eigentlich die Kurden? Konstituieren sie überhaupt eine Nation? Und gibt es Perspektiven für ein gemeinsames unabhängiges Kurdistan?

Gemäß einer Sage aus dem 9. Jahrhundert gab es weit vor Beginn unserer Zeitrechnung einen Tyrannen mit dem Namen Zahhak, welcher im Gebiet des einstigen Persiens eine Terrorherrschaft errichtete. Dieser litt an einer seltsamen Krankheit, die seine naturgegebene Grausamkeit noch verstärkte. Ihm wuchsen zwei Schlangen aus den Schultern, welche einen Schmerz verursachten, der nur zu Stillen war, indem den Schlangen täglich zwei menschliche Gehirne verfüttert wurden. Dementsprechend ließ Zahhak jeden Tag zwei Kinder töten, deren Gehirne seiner Linderung dienen sollten. Der Schlachter, dem diese Aufgabe erteilt wurde, hatte jedoch Mitleid mit den Kindern, weshalb er stets nur eines tötete und das andere Hirn durch das eines Schafes ersetzte. Die verschonten Kinder wurden aus dem Land in die fernen, unzugänglichen Berge geschickt, wo sie sich verstecken sollten. Mit der Zeit entstand dort eine Gemeinschaft, in welcher die Menschen untereinander heirateten und Nachwuchs hervorbrachten und in welcher sich durch die räumliche Abgrenzung eine eigene Sprache bildete. Diese Menschen nannte man fortan Kurden.

Die vermeintlichen Nachfahren dieser Kurden, welche heute vor allem im Osten der Türkei, im Norden Syriens, im Norden des Iraks und im Nordwesten des Irans beheimatet sind, werden mit ihrer Anzahl von circa 35 – 40 Millionen Menschen oft als „größte Nation ohne eigenen Staat“ bezeichnet. Der Nationenbegriff muss im Falle der Kurden jedoch mit Vorsicht verwendet werden, denn verschiedene Nationalismus-Theoretiker haben diesen auf unterschiedlichste Arten geprägt und definiert. Einer von ihnen, Anthony Smith, erkennt in Nationen ethnisch homogene Gebilde, welche gewissermaßen eine gemeinsame Vergangenheit teilen, durch eine Art Verwandtschaft verbunden sind und eine gemeinsame Sprache sprechen. Zwar gibt es wenig Zweifel, dass die Kurden als identifizierbare Gruppe seit mehr als zwei tausend Jahren existieren. Allerdings ist es gemäß dem Historiker David McDowall unwahrscheinlich, dass die Gesamtheit der Kurden eine ethnisch homogene Gruppe bildet, welche die gleichen Vorfahren besitzt. Weiterhin gibt es auch kaum Belege dafür, dass sich die Kurden vor dem späten 19. Jahrhundert als eine Gemeinschaft erkannt haben. Zudem ist hinsichtlich der Sprache auch umstritten, in welchem Verhältnis Kurmanji, das von nördlichen Kurden gesprochen wird, und Surani, das von südlichen Kurden gesprochen wird, zueinander stehen. Obwohl sie meistens als unterschiedliche Dialekte bezeichnet werden, sind besonders grammatikalische Strukturen so fundamental unterschiedlich, dass Sprachwissenschaftler eher von verwandten Sprachen als Dialekten sprechen,  so wie auch Persisch eine verwandte Sprache der beiden ist.

Eine wirkliche kurdisch-nationale Bewegung entstand erst im frühen 20. Jahrhundert mit dem langsamen Zerfall des Osmanischen Reichs. Nationalisten begannen unterschiedliche Mythen wie die anfangs erwähnte Sage zu verwenden um eine nationale Identität zu kreieren, womit die kurdische Nation vielleicht eher als künstliches, elitäres Konstrukt im Sinne des Historikers Eric Hobsbawm verstanden werden kann. Mit dem Vertrag von Sevres von 1920, welcher das Schicksal des Osmanischen Reichs nach dessen Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegeln sollte, hatten die Kurden sogar vielversprechende Aussichten Autonomie, wenn nicht gar Unabhängigkeit zu erlangen. Als die Türkei jedoch 1922 den griechisch-türkischen Krieg gewann, konnte sie mit dem Vertrag von Lausanne entsprechende Entscheidungen revidieren und einen großen Teil des Gebietes, welches die Nationalisten als Kurdistan identifizierten, in den türkischen Staat inkorporieren, während der Rest auf Syrien, Irak und Iran aufgeteilt wurde.

Dies war weitestgehend das Ende einer gesamtkurdischen Nationalbewegung, denn über die Grenzen der Länder hinweg  etablierte sich nur bedingt ein grenzüberschreitender „Pankurdismus“. Es entstanden eher Subnationalismen und Autonomiebestrebungen innerhalb der einzelnen Länder, ebenso wie teils gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen kurdischen Gruppen. In der Türkei wurden nationalistische Bewegung vollkommen unterdrückt, indem nicht nur die Existenz einer kurdischen Ethnie generell bestritten wurde – Kurden wurden dort lange als „Bergtürken“ bezeichnet – sondern auch indem durch ein Verbot der kurdischen Sprache, eine Assimilierungspolitik durchgeführt wurde. Diese Politik der Repression förderte letztendlich unbestreitbar die Entstehung der später als Terrororganisation gebrandmarkten „Kurdischen Arbeiterpartei“ (PKK). Eine ähnliche Unterdrückung erlebten die Kurden in Syrien, denen  in den 60er Jahren teilweise der Ausweis abgenommen und sie zu Ausländern erklärt wurden.

Interessant sind besonders die Entwicklungen im Irak, denn dort konnte die kurdische Nationalbewegung (Kurdayeti) in den 70er Jahren erstmals eine autonome Region etablieren, welche vor allem nach dem Zweiten Golfkrieg Anfang der 1990er Jahre und nach dem Sturz Saddam Husseins 2003, Gestaltungskompetenzen erlangte. Obwohl auch die Geschichte der irakischen Kurden mit den Giftgasangriffen des Baath Regimes unter Saddam Hussein keine durchwegs glückliche ist, steht Kurdistan-Irak heutzutage unter einer weitestgehenden Selbstverwaltung, pflegt selbstständig die auswärtigen Beziehungen, ist schon seit Jahren im Vergleich zum Rest des Iraks eine Insel der Stabilität und Sicherheit und kann vielleicht sogar als Musterbeispiel für Pluralismus, Demokratie und Minderheitenrechte im Nahen Osten gelten.

Die aktuelle Krise in Syrien und im Irak hat für die Kurden neue Entwicklungen und Möglichkeiten in Gang gesetzt. Kurdistan-Irak, welches vorher in der Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt war, steht nun durch die ständige Präsenz in verschiedensten Medien im Rampenlicht, ferner haben zahllose westliche Regierungschefs und Minister die Region in den vergangenen Monaten besucht. Auch wenn die offizielle Linie vieler westlicher Staaten weiterhin die Erhaltung des Iraks in seiner bisherigen Form ist, kann kaum jemand den irakischen Kurden beim Fortbestand der politischen Probleme im Land die Legitimation ihrer Unabhängigkeit absprechen. Weiterhin haben sich im Zuge des Bürgerkrieges kurdische Kantone in Syrien Anfang dieses Jahres zusammengeschlossen und ihre Autonomie unter dem Namen Rojava ausgerufen. Mit internationaler Unterstützung könnte ihnen dadurch mittel- bis langfristig ein ähnlicher Werdegang wie den Kurden im Irak nach dem Zweiten Golfkrieg blühen. Ein weiteres Szenario ist die Wiederbelebung einer pankurdischen Bewegung, wie jene nach dem Ersten Weltkrieg. Rufe nach Bereinigung der Differenzen, was zweifelsfrei kein einfaches Unterfangen wird, und nach kurdischer Solidarität haben sich in den vergangenen Monaten rapide gemehrt. Weiterhin wurden die Sicherheitskräfte der irakischen Kurden (Peshmerga – „die, die dem Tod ins Auge blicken“) trotz ihrer Rivalität mit der PKK bei ihrer Durchreise durch die Türkei, auf dem Weg zur Unterstützung der syrischen Kurden in Kobane, von jubelnden türkischen Kurden empfangen, was die pankurdische Solidarität zeigt und deshalb in allen kurdischen Gebieten für viel Resonanz gesorgt hat. Das Schicksal der Kurden bleibt spannend, die aktuelle Krise in der Region wird die Kurden noch vor viele Herausforderungen stellen, könnte jedoch auch die Gemeinschaftsbildung weiter vorantreiben. Somit werden die kommenden Jahre zeigen, ob die Bezeichnung „größtes Volk ohne eigenen Staat“ Fortbestand haben wird.

 

Gegenwärtiges_Kerngebiet_der_kurdischen_Siedlungsgebiete

Mehrheitlich von Kurden bewohnte Gebiete im Nahen Osten

 

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