Personalisierter Patriotismus

by Nicolas Maximilian Oster

Inwiefern sind wir von unserer nationalen Herkunft geprägt? Diese Frage dürfte jeden von uns im Gewissenskampf schon mal beschäftigt haben. Bei dem Versuch eine Antwort darauf zu finden kommen viele wahrscheinlich zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Es handelt sich immerhin um ein fundamentales identitätspolitisches Problem, das seit der Entstehung des Nationalstaats in unserer Gesellschaft verankert ist. Was sich allerdings im Laufe der Zeit stets geändert hat, sind die Ansprüche, die wir auf unsere persönliche Selbstdefinition erheben. Im hohen Mittelalter wurden die Selbstdefinierungskriterien des Einzelnen von der herrschenden Institution, nämlich der Kirche, bestimmt. Der Platz des Individuums in der Gesellschaft wurde von Kriterien oftmals außerhalb seiner Kontrolle abgeleitet, wie zum Beispiel vom Familiennamen oder dem Herkunftsort.

Wir tendieren zunehmend zu einer Gesellschaft zu werden, in der die individuelle Identität selbstbestimmt wird. Ob liberal, konservativ, feminist, vegan: die Entscheidung über die Frage, welche Labels wir uns aufstempeln, liegt immer mehr bei der einzelnen Person. Auch wenn es um das kollektive Selbstverständnis geht, schien es lange Zeit so, als ob immer mehr Entscheidungskompetenzen von oben nach unten übertragen wurden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts sah man beispielsweise die Glanzzeit des kollektiven Selbstbestimmungsprinzips im Rahmen der Auflösung der großen multinationalen Imperien Europas und schließlich auch im Rahmen des Postkolonialismus. Diese Entwicklungen leiteten sich allerdings viel mehr von anti-imperialistischen, das heißt gegen die Vorherrschaft einer Besetzungsmacht gerichteten, Bewegungen ab. Ende des 19. Jahrhunderts wurden außerdem Patriotische Identitätsentwürfe von den europäischen Staatsstrukturen aufgegriffen und später als Aufruf zu gegenseitigen Vernichtungsversuchen missbraucht. Nachdem sie deshalb lange Zeit in der Gesellschaft sowie in der Politik tabuisiert wurden, kehren Fragen über das Bekenntnis zu ‚Patria’ heute wieder in den Vordergrund der Identitätspolitik.

Wir erleben gegenwärtig eine Wiederbelebung des patriotischen Geistes vieler, über lange Zeit unterdrückter Sozialgesellschaften. Dies war vor allem in Deutschland im Laufe des Fußball-WM Sommers 2006 zu beobachten. Menschen aus allen Altersgruppen betrachteten das Schwanken von Deutschland-Fähnchen und das Bejubeln des Deutschseins plötzlich wieder als sozialverträglich. Dies war allerdings nicht die Leistung einer politischen Kampagne, sondern eines organischen und aus dem inneren Geist der Gesellschaft hervorgerufenen Befreiungsschlags: ein regelrechtes nationales Coming-Out.

Überraschend war auch für viele damals, in welch ausgelassener Form vor allem Deutsche mit Migrationshintergrund ihrem Deutschpatriotismus freien Lauf ließen. Dabei ist diese Entwicklung an sich kein allzu großes Phänomen, sondern die natürliche Folge einer kosmopolitischen Weltanschauung. Eigentlich müsste es doch völlig nachvollziehbar sein, dass gerade jemand der ursprünglich aus einer anderen Kultur stammt und eine zweite Kultur quasi von Grund auf erlernen und verinnerlichen musste, diese neue Identität auch ausleben möchte.

„Um ein guter Internationalist zu sein musst du zuerst ein guter Patriot sein.“ So lautete einst ein Spruch des ersten Präsidenten der unabhängigen Republik Ghana, Kwame Nkrumah. Dieser Weisheit zu Folge müssten vor allem diejenigen, die mit der Aneignung einer völlig neuen Kultur aus erster Hand Erfahrung gesammelt haben, die eigene Identität besser zu schätzen wissen.

Als Doppelstaatsbürger Deutschlands und der Vereinigten Staaten wird mir oftmals die Frage gestellt, ob ich mich nun eher als Deutscher oder als Amerikaner verstehe, als würden diese beiden kulturellen Identitäten ständig in mir um Vorrang konkurrieren. Dabei ist diese Fragestellung bereits vom Prinzip her falsch angesetzt. Eine zweite Nationalität bildet keinen Ersatz, sondern eine Ergänzung, ja sogar eine Bereicherung zur Ersten.

Die schwedische Sozialdemokratin Birgitta Dahl sagte einmal: „Ein Mensch, ein Volk, das selbstsicher und stolz auf seine Identität ist, ist auch selbstsicher und offen für Kooperation mit anderen.“ Sie knüpft damit an ein noch viel profunderes Prinzip an: nämlich die Selbstliebe. Sich selbst lieben zu lernen ist grundvoraussetzend um die Liebe zu anderen zu empfinden. Das überträgt sich letztendlich auch auf das kollektive Selbst. Der Patriotismus ist ein flüssiges und persönliches Konzept das nicht an feste Verhaltensmuster oder einheitliches Vorgehen geknüpft ist. Patriotismus wird nicht von oben, sondern von unten, oder besser gesagt von innen bestimmt. Die Bekennung zum Herkunftsland ist ein persönliches Verhältnis, aber eben auch nicht abzuleugnen. Das Bekenntnis zum Herkunftsland oder zu den Herkunftsländern ist insofern unentbehrlich, weil es ein menschlicher Instinkt ist, vor allem jene Identitätsentwürfe, die fundamental mit unseren Umgebungen verbunden sind, auszubauen und auszuleben.

Um unserer zunehmend ineinandergreifenden sozialen Realität nachzukommen, bedarf es künftig einer Lockerung der Anwendbarkeit von identitätspolitischen Prinzipien. Unsere soziale Werteschaffung wird künftig weitgehend davon abhängig sein, inwiefern wir in der heutigen vielschichtigen Realität eine klare kulturelle Identität und kulturelle Traditionen bewahren können.

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