„Den Konflikt im Nahen Osten kann man nicht abkürzen“

Von Sandra Hochstöger und Catherine Lankes

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Konferenz an Konferenz – und dennoch findet sich keine Lösung für die Krise im Arabischen Raum. Kann man auch nicht, weil es diese nicht gibt, so Nah-Ost-Expertin und „Der Standard“-Journalistin Gudrun Harrer.

 

Polemics: Wo liegt der Ursprung des Hasses in der Arabischen Welt auf den Westen? Sind Gruppen wie Daesh oder auch Boko Haram in Nigeria eine junge Entwicklung?

Harrer: Da muss man spezifizieren: Daesh und Boko Haram sind radikale Gruppen. Und diesen radikalen Islam gilt es ganz klar zu unterscheiden von vielen anderen Menschen, die frustriert sind. Dabei befinden wir uns in einer Situation in der der Westen und die Vergangenheit des Westens in der Region für alles verantwortlich gemacht werden. Das haben die radikalen Gruppen auch mit manchen Gemäßigten gemeinsam. Es gibt die Tendenz, immer die große Verschwörung zu sehen, was ganz typisch ist für Menschen, die unsicher sind und die sich aus ihrer Vergangenheit heraus die Dinge nicht erklären können. Der Westen wird dafür verantwortlich gemacht, ganz bewusst gewisse Aktionen gesetzt zu haben, um diese Region niedrig zu halten.

Im Verständnis dieser Menschen haben nicht sie selbst den Krieg begonnen, sondern wir, der Westen. Aber das Ganze hat natürlich auch echte, rationale Wurzeln. Dabei spreche ich jetzt nicht nur vom westlichen Kolonialismus, sondern auch von der Situation nach dem ersten Weltkrieg. Die Leute hatten nie das Gefühl, Herr des eigenen Schicksals zu sein – und das war auch so. Ein klassisches Beispiel ist Syrien, wo die Franzosen versucht haben, direkt zu regieren. Oder die Gründung Israels. Und dabei empfanden die Bürger diese völlige Ohnmacht auch gegenüber der eigenen Staatsautorität. Deshalb werden diese auch immer beschuldigt, mit dem Westen zu kooperieren. So wurde Mubarak beschuldigt eine Marionette des Westens zu sein, auch Ben Ali und Gaddafi. Dabei wird alles, was schlecht ist, in einen Topf geworfen und dem Westen zugeschrieben. Natürlich glauben das nicht alle, aber diese Ansichten werden wirklich benützt.

Polemics: Wo kommen diese Tendenzen her?

Harrer: Meiner Meinung nach hatte die Arabische Welt das Gefühl, von einer Abhängigkeit in die nächste zu kommen. Das hat hauptsächlich historische Gründe. Aber ehrlich gesagt, so radikale Ideologien konstruieren sich ein eigenes Weltbild zusammen, das kann man nicht immer rational begründen. Dafür gibt es auch viele Beispiele in anderen extremistischen, nicht islamische Gruppen – wie den radikalen Katholizismus in Spanien, der hinter jedem, der ihnen nicht passt, einen Kryptojuden erkennt und foltert.

Polemics: Aber auch die Kolonialfrage wird immer noch herangezogen und das hat ja auch seine Berechtigung.

Harrer: Aber nicht nur Kolonialismus, auch die Zeit des Kalten Krieges. Der Westen und der Osten haben im Nahen Osten einen Stellvertreterkrieg, einen ‚proxy war’ geführt. Das hatte nichts mit Kolonialismus zu tun. Daher kommt auch das Gefühl in der Region, nicht Herr der Lage zu sein. Es ging im Kalten Krieg nie um sie, sondern um ganz andere Dinge. Afghanistan war ein Schauplatz des Kalten Krieges, doch es ging nie um die Afghanen.

Polemics: Laufen wir wieder Gefahr, dass es bei einer russischen Intervention in Syrien, erneut zu einem ‚proxy war’ kommen könnte?

Harrer: Syrien ist ein ‚proxy war’. Nur eben jetzt eher auf regionaler Ebene zwischen dem Iran und Saudi-Arabien.

Polemics: Die Ängste der Menschen im Westen vor ‚dem was da aus dem Arabischen Raum kommt’, wird massiv von der Flüchtlingskrise getragen und befeuert. In wieweit bringen Flüchtlinge ihre Konflikte mit?

Harrer: Die Menschen haben Angst, dass da alles Mögliche unkontrolliert mitkommt. Es ist auch keine irrationale Angst, dass durch die Flüchtlingsbewegungen auch Konflikte mitkommen, aber diese Angst ist übertrieben. Terroristen brauchen diese Flüchtlingsbewegungen nicht, um zu uns zu kommen. Und Angst nützt nichts, man muss sich die Situation einfach genauer anschauen. Zudem bedeutet es ja nicht, dass, wenn Menschen aus Konfliktsituationen kommen, sie diese Konflikte unbedingt weiter betreiben wollen. Im Gegenteil, wir haben das Phänomen, dass offensichtlich viele Angehörige Schiitischer Milizen im Flüchtlingsstrom mitkommen, aber die wollen ja weg, die wollen keine Kämpfer mehr sein und ihr Leben opfern. Man darf das Ganze nicht so auf Gut und Böse reduzieren.

Polemics: Wie sehr ist in der Flüchtlingsfrage der Westen beziehungsweise der Rest der Welt in der Verantwortung – eben auch angesichts unserer Vergangenheit?

Harrer: Also, so würde ich nicht argumentieren. Wir brauchen das Wissen um die Vergangenheit, um selbst zu verstehen, was passiert. Wir haben eine humanitäre Verantwortung und das reicht auch.

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Polemics: Wie sehen Sie das Thema der so genannten Wirtschaftsmigranten?

Harrer: Viele wollen in den Westen, da sie die Zukunft in den westlichen Systemen sehen. Aber das sind natürlich nicht alle. Manche wissen auch gar nicht wo sie hinkommen. Aber so eine syrische städtische Mittelstandsfamilie will Demokratie und Bildung für ihre Kinder. Und vor allem: Wo ist die Grenze? Wenn Sie in einer Gegend leben, wo seit zwei Jahren zwar keine Kämpfe mehr stattfinden, Sie aber nur eine Stunde Strom pro Tag haben, ist dann die Flucht gerechtfertigt?

Polemics: Die Flüchtlingskatastrophe ist ja leider kein neues Phänomen. Das hat es bereits etwa im Zweiten Weltkrieg gegeben.

Harrer: Damals sind sehr viele gegangen. Auch im ersten Weltkrieg wurden bereits in den ersten Kriegswochen die Kriegszonen in den Kronländern leergeräumt. Da waren zehntausende Flüchtlinge auf einmal in Österreich, die zum Teil genauso diskriminiert wurden wie die Flüchtlinge heute. Das wiederholt sich. Aber aktuell ist es auch so, dass die Menschen aus einer massiv anderen Weltgegend kommen.

Polemics: Gibt es eine Lösung?

Harrer: Ich glaube, dass die Leute jetzt so gehäuft nach Europa aufbrechen, weil sie sehen, dass eine Lösung nicht bevorsteht. Sie verlassen diese Warteräume wie die Flüchtlingslager in den Nachbarländern, weil sie sehen, dass ihr ursprünglicher Plan, nach zwei oder drei Jahren zurückkehren zu können, nicht aufgeht.

Im Moment gibt es zwei Positionen: Die einen meinen, der russische Eingriff wird die Situation noch viel mehr eskalieren lassen. Andere wiederum sind überzeugt, dass sich bald eine Situation einstellen wird, in der nur mehr Verhandlungen möglich sein werden. Mein Credo ist, dass man aufhören muss zu glauben, dass man mit einer militärischen Intervention von außen das Ergebnis hervorrufen kann, das man beabsichtigt. Jede Intervention wird wieder paradoxe Folgen haben. Solche Konflikte kann man nicht abkürzen, die müssen sich erschöpfen. Und das ist auch meine Parallele zum Dreißigjährigen Krieg: Die Verwüstung. Danach kommt die neue Ordnung. Und vielleicht brauchen wir das auch im Nahen Osten.

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