Das Fremde in uns

Zulema 8

©Ksenia Poplavskaya

Valentina Kiefer

Die mediale Auseinandersetzung mit Ausländerfeindlichkeit und den diesbezüglichen Ängsten der europäischen Bevölkerung ist im Moment allgegenwärtig und wirft Fragen auf, die uns als Einzelne und unsere Gesellschaften als Ganze betreffen. Oft vergessen oder übersehen wir dabei nämlich, wie schnell der Einzelne zum Fremden werden kann – auch in ähnlichen Kulturkreisen.

Ich bin eine Deutsche, die in Wien lebt, noch nicht allzu lange und doch habe ich mich bereits immer wieder fremd gefühlt. Oft konnte ich dieses Gefühl nicht richtig erfassen. Es war eher ein diffuser Eindruck. Bewusst geworden ist mir mein Fremdsein aber, als ich mit Wiener Bekannten in einem Heurigen war. Dort forderte die schon betrunkene Katja den afghanischen Heurigen-Stammgast Ali auf, sich an unseren Tisch zu setzen und ihr seine Meinung zu der Flüchtlingskrise zu erzählen. Das Thema der Zuwanderung beschäftigt Katja schon länger und der Gedanke an Überfremdung macht ihr Angst. Sie unterbrach Ali von Anfang an vehement, denn seine Einstellung entsprach nicht der ihren. Persönlich betroffen fühlte ich mich, als Katja ihre Ablehnung gegen Wirtschaftsflüchtlinge und vermeintliche Nutznießer des österreichischen Sozialsystems herausschrie und Ali schlussendlich mit den Worten „wir wollen euch hier eh nicht haben“ aufgebracht wegschickte. Ich war fassungslos. Hatte ich soeben noch versucht mit Einsprüchen wie, „wenn Ausländer nicht vom österreichischen Sozialstaat profitieren sollen, dann dürften doch auch keine Deutschen hier studieren“ deutlich zu machen, dass auch ich fremd bin, so fühlte ich mich, überspitzt formuliert, auf einen Schlag mit Ali in meiner Existenz als Ausländerin in Österreich angegriffen.

Nun mag es auf den ersten Blick verwunderlich klingen, dass sich eine Deutsche, deren kulturelle Prägung doch gar nicht so unterschiedlich zu der österreichischen zu sein scheint, sich in Wien auf einmal mit der Frage auseinandersetzt, was sie eigentlich zu einer Fremden macht. Doch demonstriert dieses Moment, dass wir uns sehr schnell fremd fühlen können. Diese Erfahrung hat auch Miriam gemacht, die schon seit mehreren Jahren in Wien lebt: „Anfangs fielen mir vor allem sprachliche Unterschiede auf, zum Beispiel, dass man in einem Kaffeehaus sofort als Deutsche auffällt, wenn man Sahne möchte.“ Irgendwann habe sie jedoch angefangen, sich zu fragen, ob manche Situationen in denen sie sich hier fremd fühlt nicht auch in Deutschland vorkommen könnten und wie sie dort wohl reagieren würde, wenn sie sich nicht auf die Andersartigkeit der Österreicher berufen könnte.

Aus einer klassisch-soziologischen Perspektive betrachtet ist die Figur des Fremden eine soziale Kategorie, die vor allem im Kontext der Nationalstaaten die Nicht-Mitgliedschaft zu denselben beschreibt. Nach Christoph Reinprecht, Soziologe und Migrationsexperte an der Universität Wien, erfüllt sie hierdurch insbesondere die Funktion der, wenn auch nur gedachten oder administrativen, Grenzziehung zwischen denen, die zu einer Nation gehören und denen, die dieser fremd sind. Interessant ist nun vor allem, dass in der post-nationalen Welt, wie sie unsere globalisierte Welt ist, jede Person in gewisser Weise zu einem Fremden wird. Wie Reinprecht erklärt, werden wir alle zunehmend zugehörig und unzugehörig zugleich. Dies liegt einerseits daran, dass die nationalstaatliche Zugehörigkeit, durch transnationale Beziehungen sowie die steigende Mobilität zunehmend an Bedeutung verliert. Andererseits differenziert sich unsere Welt auch immer weiter aus, wodurch klare soziale Kategorien und Zuordnungen verschwinden. Man wisse zum Beispiel, wenn man bei der Hotline einer Fluglinie anruft, nicht mehr, ob die Person nun in Hongkong, Berlin oder New-York sitzt. Durch all diese Aspekte findet grundsätzlich eine Verschiebung der einst gesellschaftlichen Frage der Zugehörigkeit auch in uns selbst statt.

Die besondere Herausforderung in unserer Zeit mit Fremden und der eigenen Fremdheit umzugehen, sieht Reinprecht darin, dass wir Ambivalenzen aushalten und gestalten müssen. Für den Fremden selbst heißt dies beispielsweise, dass er sich in einer Situation der Marginalisierung befindet, weil er von seiner Herkunft und deren Codes entbunden, gleichzeitig aber kein Teil der neuen Gesellschaft ist. Er befindet sich in einer Umgebung, die ihm fremd und dennoch vertraut ist. Positiv betrachtet ergibt sich für den Fremden aus dieser „Entbundenheit“ eine Freiheit, beziehungsweise Objektivität, die es ihm ermöglicht, mit einer gewissen Distanz sowohl seine Herkunfts- als auch seine Gastkultur zu betrachten. Nach dem deutschen Philosophen und Soziologen Georg Simmel macht genau diese Distanz den Fremden dann auch zum besseren Beurteiler der Gesellschaft, da sie ihm eine Schärfe im Urteil erlaubt. Allerdings ist in den meisten Gesellschaften die Fähigkeit proaktiv mit Ambivalenzen umzugehen nicht sehr stark ausgeprägt, wodurch die moderne Welt klare Identitäten und Zuordnungen sucht und Fremdheit eher Angst und Verunsicherung verursacht, anstatt als Potential angesehen zu werden. Denn wie gut der Einzelne mit seiner Fremdheit umgehen kann, hängt aus soziologischer Perspektive schließlich damit zusammen, wie gut er Distanz regulieren, Verhaltensmuster steuern oder mit eventuell störenden Unterschieden umgehen und diese verarbeiten kann. Nach einer Handlungsempfehlung für den Fremden gefragt, ist Reinprechts Tipp deshalb Fremdheit immer als einen Teil des eigenen Selbst zu sehen.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s