UNGEHÖRTE VERSUCHE

holefence

by Petra Staduan

Hans Magnus Enzensbergers Essaysammlung Versuche über den Unfrieden ist wohl eine der wichtigsten und wertvollsten Beiträge, um den alltäglichen angstzerfressenden Hetze-vs.-Antihetze-Debatten, Mauerbaufantasien und anderen Festungsdelirien entgegenzutreten. Durch nüchterne Beobachtungen über Migration, Fremdenhass, Bürgerkrieg und religiösen Fanatismus zwingt er die LeserInnen zu unerlässlich unbequemen Fragen. Dass er diese Fragen schon in den 90ern aufgeworfen und augenscheinlich kein Gehör gefunden hat, ist ein schmählicher Beweis für die Unfähigkeit und Ignoranz einiger PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen gegenüber den grundlegenden Konflikten unserer Zeit.

ANERKENNUNG ALS MANGELWARE

Einer dieser Konflikte, der kaum in den Medien angesprochen wird, ist die Tatsache, dass der Weltmarkt mehr und mehr VerliererInnen produziert, „die für immer aus dem ökonomischen Kreislauf ausgestoßen werden, da sich ihre Ausbeutung nicht mehr lohnt.“ Zu diesen VerliererInnen zählen nicht nur BewohnerInnen unterentwickelter wie „rückständiger“ Regionen. Auch vor den Metropolen des Westens macht diese ökonomische Entwicklung keinen Halt und erklärt damit immer mehr Menschen für überflüssig. Das Projekt der Modernisierung sei damit gescheitert, da diese Zurückgebliebenen sich zunehmend in einer aussichtslosen Lage befinden. Diese Entwicklung gewinnt im Essay Aussichten auf den Bürgerkrieg (1993) noch an Brisanz, in dem Enzensberger sie in direkte Verbindung mit der Hegelschen Theorie bringt, „dass der Urzustand der menschlichen Gesellschaft der Kampf ist, nicht allein um vorhandene Ressourcen, sondern um die Anerkennung von seinesgleichen.“  Von solcher Anerkennung kann inzwischen eine überwältigende Mehrheit der Menschheit nur träumen. Vier Fünftel der Weltbevölkerung leben, laut Enzensberger, unter Verhältnissen, die der Rhetorik der Deklaration der Menschenrechte nur hohnsprechen. Jahr für Jahr kämen 100 Millionen hinzu.

Dreizehn Jahre später, 2006, nennt Enzensberger in seinem Essay Schreckens Männer den Begriff des radikalen Verlierers, ein Produkt der Globalisierung: Er isoliert sich. Er wartet auf seine Stunde. Meist ist er männlich. Er ist verzweifelt, sucht nach einem Sündenbock, leidet an Realitätsverlust, hat das Bedürfnis nach Rache, muss sein Unterlegenheitsgefühl kompensieren, neigt zu Zerstörung und Selbstzerstörung und wünscht sich die Eskalation, denn nur sie kann ihn aus seiner Lage befreien. Kurz: der radikale Verlierer hat zum Ziel, viele andere zu Verlierern zu machen.

Die oben genannte Selbstzerstörung hatte schon Hannah Arendt in ihrem Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft mit dem Begriff „Selbstlosigkeit“ zusammengefasst. Damit meint sie Selbstauslöschung, die zum individuellen wie kollektiven Ziel erhoben wird. Der hobbessche Urmythos bleibt als negative Utopie somit weiterhin bestehen und drängt das politische Denken, in der Tradition von Aristoteles, Machiavelli, Marx oder Weber ins Abseits: „Es sei den Tätern nicht nur einerlei, nicht nur ob sie leben oder sterben, sondern ob sie je geboren wurden oder wie sie das Licht der Welt erblickten.“

DER AUFSTIEG VON EXTREMISTEN

Sieht man sich die Mentalität von islamischen Extremisten genauer an, so Enzensberger, zeichnet sich deutlich ab, dass man es hier mit einem Kollektiv von radikalen Verlierern zu tun hat. Dabei stellt die Ideologie des Islamismus ein ideales Mittel dar, solche radikalen Verlierer zu mobilisieren und religiöse, politische wie soziale Beweggründe zu verschmelzen. Laut Enzensberger, spielen vor allem der stetige Niedergang der arabischen Kultur, die damit verbundene Diskriminierung der Frauen, sowie die Defizite in der Wissenskultur eine wichtige Rolle und tragen am Rückstand der arabischen Gesellschaft die Hauptschuld. Zu bedauern jedoch, so Enzensberger, seien vor allem die mehrheitlich friedlichen Muslime in aller Welt die auf Grund der islamistischen Offensiven zwangsläufig ein gespaltenes Bewusstsein entwickeln würden.  Angeblich wollten im Jahr 2004 60% der britischen Muslime unter der Scharia leben. „Schon deshalb muss es ihnen schwerfallen, sich klar von den Hetzer, zu distanzieren.“

“Sieht man sich die Mentalität von islamischen Extremisten genauer an, so Enzensberger, zeichnet sich deutlich ab, dass man es hier mit einem Kollektiv von radikalen Verlierern zu tun hat.”

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass unter den Tätern die wirklich Armen unterrepräsentiert sind. Zudem sind nach einer Studie des „Foreign Policy Research Insitute“ die wenigsten der Terroristen aus strenggläubigen Milieus hervorgegangen, was Enzensberger in seiner Theorie bestärkt, dass es den heutigen Attentätern, einerlei welcher Ideologie sie frönen, vor allem um (Selbst-)Zerstörung geht. Die Beschwörung ideologischer Ziele sei nichts als Maskerade.

Die Emigration, so Enzensberger, mindert die psychischen Risiken der Verlierer nicht, sondern verschärft sie. Die entwurzelten Migranten aus dem arabischen Raum sind durch die unmittelbare Konfrontation mit der westlichen Zivilisation einem dauerhaften Kulturschock ausgesetzt. „In dieser Lage stellt das Angebot der Islamisten, andere für das eigene Versagen zu bestrafen, für viele eine starke Versuchung dar.“

DER GOTTESSTAAT DER TAIPING

banskyMit seinem 2015 verfassten Essay Der vergessene Gottesstaat hängt Enzensberger eine Coda an und beleuchtet den blutigsten und brutalsten Bürgerkrieg der modernen Geschichte: Der Taiping-Aufstand (1851-1864) in China und zieht Parallelen zum selbsternannten islamistischen Kalifat.

Als Spielball ausländischer Mächte erlebt auch die ehemals blühende chinesische Zivilisation im 19. Jahrhundert ihren Niedergang. Ein arbeitsloser Dorflehrer namens Hong Xiuquan setzt sich zum Ziel, einen Krieg gegen die herrschende Qing Dynastie zu führen und schart eine Armee von 400.000 armen Bauern und Arbeitslosen um sich, um einen neuen Gottesstaat namens „Himmlisches Reich des Großen Friedens“ zu errichten. Als Fundament dafür dient die Bibel, auf seine Fahne heftet er das Schwert. Auch Studierte und Gebildete der reicheren Schicht zeigen sich bereit, ihr Leben für den heiligen Krieg aufs Spiel zu setzen. Hong setzt jedoch nicht nur auf Buch und Schwert sondern auf alte Vorstellungen des Urchristentums: „Das Land soll von allen bebaut, der Reis von allen gegessen, die Kleidung von allen getragen und das Geld von allen ausgegeben werden.“ Erst nach Jahren intervenieren englische und französische Truppen, um die Gotteskrieger aufzuhalten und können eine Übernahme Shanghais durch die Taiping vermeiden. Zugrunde jedoch geht das Reich der Taiping vor allem aufgrund ihrer inneren Widersprüche, sei es des Größenwahns des halluzinierenden selbsternannten Königs Hong wegen, oder aufgrund der zunehmenden Rivalitäten innerhalb des Staatsapparates.

Enzensberger befürchtet, dass auch dem Nahen Osten ein ähnliches Los bevorsteht und zieht die Parallelen der Taiping mit dem „Islamischen Staat“. „Nicht eine islamische sondern eine christliche Sekte war es, die damals zu den Waffen rief, sich das Schwert auf ihre Fahnen heftete und die Ungläubigen köpfen wollte.“

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